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Fahrbericht: Der Audi R8 Spyder und die zehn Tenöre

Was Sportwagen anbelangt, ist er das Flaggschiff der Ingolstädter: Der Audi R8. In Zeiten des Downsizings, der Aufladung und immer strenger werdender Umweltauflagen  ist er etwas ganz Besonders, ein Relikt. Warum? Weil Audi bei ihm auch weiterhin auf einen frei saugenden Zehnzylinder-Motor mit 5,2 Litern Hubraum vertraut. Keine Aufladung, keine Reduktion der Zylinderanzahl, kein Firlefanz – herrlich! Wir sind den Audi R8 Spyder gefahren und konnten die gesamte Spannweite der Gänsehaut erregenden Stimmgewalt des V10 hautnah miterleben.

Schlechte Laune? Herbst-Wetter mit Regen? Am liebsten die Decke über den Kopf ziehen? Kann man machen. Man kann aber auch die Decke lüften und den Audi R8 Spyder innerhalb von rund 20 Sekunden öffnen. So genießt man die letzten Sonnenstrahlen des Jahres am besten. Also: Knopf auf der Fernbedienung gedrückt und schon lüftet das flache Cabrio sein Mützchen. Die Show ist dabei aufsehenerregend, der Audi R8 Spyder ist schließlich geformt, wie ein Mittelmotor-Sportwagen. Da fragt man sich schon, wohin das Dach verschwindet, wenn sich die Motorhaube öffnet und der Stoff zusammengefaltet wird. Doch es klappt im Handumdrehen und die Linienführung gewinnt spürbar.

540 PS: Das optimale Antidepressivum

Vorne kurz, hinten lang gibt sich die Optik des Sportwagens schön schnörkellos, sobald die Hüllen einmal gefallen sind. Dabei schaut er schön grimmig aus seinen Voll-LED-Scheinwerfern und bietet damit eine Menge Überholprestige. Und das kann nicht schaden, schließlich kann der Ingolstädter bei Bedarf – mit Verlaub – sauschnell sein. Den Sprint auf 100 km/h absolviert man in 3,6 Sekunden, schenkt man der Papierform Glauben. In der Realität fühlt sich der Schub aus dem Stand zwar nicht minder atemberaubend an, doch wirken die 3,6 Sekunden etwas optimistisch. Bei der – zugegebenermaßen nicht sehr präzisen – Messung mit dem iPhone ergab sich schließlich etwas Anderes.

Doch vorab, will das Rennstart-Prozedere gekonnt sein. Mache Sportler erkennen von selbst, dass man gleich in Bestzeit die 100 km/h erstürmen möchte, wenn man im Start die Bremse tritt und dann das Gaspedal durchtritt. Beim Audi R8 Spyder wirkt man, wenn man es genauso versucht, wie der letzte Dilettant. Die Drehzahl steigt um wenige Umdrehungen an, das Auto bewegt sich keinen Millimeter und der Beifahrer legt die Stirn in Falten. Klappe die Zweite: Nach dem Studium der zahlreichen Lenkradtasten, kamen wir auf die Idee, den „Race“-Button zu drücken – und siehe da, es funktioniert. Also auf ein Neues: Bremse treten, das Gas tief im Teppich vergraben, die Drehzahl wird im optimalen Bereich gehalten und Feuer frei. Rund eine halbe Sekunde mehr benötigte die Flunder nach unserer „Präsisions-Messung“. Dabei schlich sich das Gefühl ein, dass der Spyder ein Zwinkern verliert während er die unbändige Power des V10 sortiert. Es wirkt, als würde er überlegen, an welche Räder er die Kraft nun schicken soll. Aber ganz ehrlich: Sei´s drum!

Wen kümmern Zehntel?

Auf die ein oder andere Zehntel kommt es letztendlich nicht an. Was beim R8 mit V10 zählt – vor allem beim offenen Spyder – sind der mit Worten nicht zu beschreibende Sound und der unaufhörlich anliegende Druck der 540 PS. Egal in welchem Geschwindigkeitsbereich man gerade unterwegs ist: Bei Bedarf legt der R8 an Tempo zu, dass es einem beim alleinigen Gedanken daran die Mundwinkel nach oben reißt. Klar, der V10 will gedreht werden. Das heißt, dass man in der siebten Fahrstufe bei niedriger Geschwindigkeit nicht erwarten darf eine Beschleunigungsorgie zu ernten, sollte der rechte Fuß einmal hart eingesetzt werden. Dennoch nimmt der Zehnzylinder sauber das Gas an und verwandelt es in Vortrieb.

Viel mehr Spaß bereitet es aber an der linken Wippe zu ziehen. Einmal zupfen und die Stimmlage wird etwas ernster. Ein weiteres Zupfen weckt die Lebensgeister gehörig. Ein drittes Zupfen erzürnt die zehn Brennräume und füllt sie mit heiser brüllendem V10-Hard-Rock – einmalig! Wenn man nun durchbeschleunigen möchte, gibt es kein Halten mehr: Man wird druckvoll in den Sitz gepresst, dass einem das Hören und Sehen vergeht. Selbst das Getriebe kennt keine Gnade. Rücksichtslos legt es ohne Zugkraftunterbrechung die nächste Fahrstufe ein und setzt den Beschleunigungsvorgang fort. Gnadenlos ist hier aber absolut positiv gemeint. Verglichen mit der R-Tronic des Vorgängers, die einem beim Gangwechsel das Mark aus den Knochen schlug, gehen die Gangwechsel des aktuellen Getriebes ohne Murren und Mucken vonstatten.

Begleitet wird dieses Speed-Spektakel von der V10-Tonleiter. Im unteren Drehzahlbereich gibt sich der Motor bassig und autoritär, erhebt die Stimme zu einem voluminösen Grollen bei mittleren Drehzahlen und hämmert einem das Kreischen beim Ausdrehen in die Nackenhaare, die bereitwillig Spalier stehen. Verpasst man angesichts dieser dramatischen Soundkulisse das Schalten, erntet man Kopfnicken. Der Audi R8 Spyder fällt bei über 8.200 Umdrehungen hart in den Begrenzer und holt die beiden Passagiere abrupt aus den Sitzen – genau so muss es sein. Das harte Dängeln gegen den Limiter sorgt für große Augen und einen offenstehenden Mund – irre! Das Erlebnis wird noch um ein Vielfaches potenziert, durchfährt man einen Tunnel. Und genau deshalb sei den Interessenten des Audi R8 Spyder auch ein Umzug empfohlen: Wohnt man nicht in der Nähe eines Tunnels, sollte man schleunigst in die Nähe ziehen, um die Klangparty in einem geschlossenen Raum zu feiern. Immer und immer wieder.

Trotz des hohen Gewichts: Der R8 Spyder ist wendig

Aber natürlich kann der neue Spyder noch viel mehr. Dennoch empfehle ich den Umzug ins Bergige erneut, sollte man nicht schon längst hier wohnen. Warum dieses Mal? Weil es einfach einen Heidenspaß bereitet, den Ingolstädter durch enge Serpentinen, über Passstraßen, bergauf und bergab zu scheuchen. Zwar wird man die Höchstgeschwindigkeit von potentiellen 318 km/h hier nicht ausfahren können, die Handlichkeit des R8 zahlt sich hier aber allemal aus. Trotz seiner rund 1,8 Tonnen Lebendgewicht wirkt dieser Audi behände, wie Muhammed Ali zu seinen Bestzeiten. Dabei ist es fast egal, wie stark die Biegung gestaltet wurde: Dank der präzisen Dynamiklenkung kann man den Sportler jederzeit präzise und rückmeldungsstark in Kurven werfen. Fehlende Präzision, Schwammigkeit oder gar Antriebseinflüsse? Fehlanzeige! Einzig mit Haarnadelkurven mit extremer Krümmung muss man etwas ausholen, um den Bogen zu bekommen. Doch wir erinnern uns: Der Audi R8 Spyder ist kein Kleinwagen, sondern ein ausgewachsener Sportler.

Und das zeigt sich beim Fahren. Dank seines Allradantriebs bleibt der Bayer jederzeit narrensicher und schiebt schließlich über die Vorderräder zum Kurven-Außenrand. Schaltet man die Regelelektronik indes aus, erlebt man Allrad-Vergnügen par excellence. Mit viel zu viel Mut in die Kurve geworfen, versucht das Heck auf Augenhöhe herumzukommen, was sich mit einem beherzten Anlegen des Gaspedals wieder richten lässt. Dann nämlich zieht der quattro-Antrieb das Fahrzeug wieder gerade. Fährt man jedoch angepasst in die Kurve hinein und fordert früh die volle Leistung ab, schiebt der Sportler wieder über die Vorderräder nach außen.

Track oder Strip? Der Audi R8 Spyder kann beides

Doch der Audi R8 Spyder kann auch anders. Erwartet man bei der gebotenen Performance ein knochentrockenes Fahrwerk, wird man eines Besseren belehrt. Herbe Querfugen auf der Autobahn – etwa an Brücken – spürt man zwar, dennoch bügelt der Ingolstädter sie weg, wie eine dynamische Mittelklasse-Limousine es kaum besser machen würde. Und auch der Langsam-FahrKomfort ist erwähnenswert. Damit wird das Cabrio zum echten Allrounder. Nur in einem Punkt muss man echte Abstriche mchen: Beim Kofferraum. Mehr als ein Helm und ein paar Flaschen Wasser gehen nicht hinein. Das könnte für die Kundschaft tatsächlich ein gewissen K.O.-Kriterium sein, schließlich wollen die Shopping-Bags von der Edel-Boutique an der Ecke irgendwo verstaut werden. Angesichts eines Einstandspreises von rund 180.000 Euro ist das aber genau die Zielgruppe.

Weitere Informationen findet ihr unter www.audi.de