Fiat 124 Spider – Die Leichtigkeit des Seins

Comeback des offenen Zweisitzers

Fiat 124 Spider

Wie lange haben sie uns warten lassen, die Italiener? Wie lange haben wir uns nach einem rassigen italienischen Cabriolet gesehnt?  Um es genau zu nehmen: 31 Jahre. Eine  Ewigkeit. In Produktlebenszyklen ausgedrückt macht das rund viereinhalb Auto-Generationen. 1966 lief der erste Fiat 124 Spider vom Band und lebte in verschiedenen Stufen bis 1985 weiter. Doch dann war Schluss für die „Bella Macchina“. Aber wir sind nicht hier, um uns zu beklagen, sondern um uns zu freuen. Und zwar über den neuen Fiat 124 Spider. Ein waschechter Roadster. Einer, nach dem sich die Leute auf der Straße umdrehen.

Im schönen Rheingau gab sich der Zweisitzer ein Stelldichein. Die Kulisse hätte nicht treffender sein können. Ein historisches Weingut, altes Gemäuer, mildes, frühsommerliches Klima und Landstraßen, die sich herausfordernd durch die Weinhänge schlängeln. Was könnte da besser passen, als ein kleiner Roadster, der nur darauf wartet, von einer Kehre in die nächste geworfen zu werden. Was Fiat damit zu tun hat? Vieles!

Schließlich basiert der neue 124 Spider auf dem aktuellen Mazda MX5 – einem ausgeborenen Handling-Talent. Heckgetrieben, gesegnet mit einer ausgewogenen Gewichtsverteilung, mit rund 1.100 kg ohnehin recht leichtgewichtig und mit einer messerscharfen Lenkung versehen, gefällt der Japaner auf Anhieb. Was ihm aber immer etwas fehlte, war der letzte Biss des Motors. All das bietet der neue Fiat 124 Spider nun auch – der japanischen Basis sei Dank –, wirft aber ein eigenentwickeltes Aggregat in die Waagschale. Der 1.4 Turbo-Vierzylinder liegt mit seinen 140 PS zwar in der Mitte des Leistungsspektrums vom MX5 – er bietet 131 oder 160 saugende Rösser –, doch die haben es in sich.

Fiat 124 Spider

Bevor wir aber zu den Fahreindrücken kommen, wollen wir einen Blick auf das Äußere des frischen Italieners werfen. Fiat kokettiert bewusst mit einem gewissen Retro-Charme und weiß, dass dieser auch beim Fiat 500 funktioniert. Der kugelige Kleinstwagen läuft schließlich schon seit acht Jahren vom Band und verkauft sich weiterhin gut. Kein Wunder also, dass der neue Spider auch auf diesen Zug aufspringt. Wer das historische Vorbild kennt, wird die Anleihen auch beim Neuen wiederfinden.

Da wäre etwa die Frontpartie, die mit ihren rundlichen Scheinwerfern wie eine moderne Interpretation des Oldies dastehen soll. Nur schaut der neue Fiat 124 Spider wesentlich grimmiger drein und will damit etwas Überholprestige erheben. Schwierig, schließlich duckt sich der Fiat Roadster tief auf die Straße und entzieht sich so manchem SUV-Rückspiegel. Weitere Rückschlüsse auf das Vorbild? Aber ja. Der hexagonale Grill zieht sich auffällig breit und selbstbewusst über das Gesicht und entstammt den Genen des Urvaters. Die separat vom Hauptscheinwerfer montierten Blinker erinnern genauso an ihn, wie die zur Tür hin abfallende Seitenlinie und der satte Hüftschwung. Am Heck wollen die Italiener mit den horizontal ausgerichteten Heckleuchten Bezug zur Vergangenheit nehmen, doch so recht mag dieses Bild nicht in den Kopf gehen. Hier zeigt sich schlicht ein moderner Roadster, mit etwas zu groß geratenen Rückleuchten.

Dennoch: Die Proportionen stimmen und lassen die Einstufung in das „Pseudo“-Segment der klassischen Roadster zu. Lange Haube, kurzes Heck, tiefe Sitzposition – das passt. Nur das Räderwerk fällt eine Nummer zu klein aus. Schon die 17-Zoll-Leichtmetallfelgen der gehobenen „Lusso“-Variante wirken etwas verloren in den recht großen Radkästen. Wie das mit den 16-Zoll-Alufelgen der Basis wirken mag – besser nicht daran denken. 18-Zoll wäre sicherlich ein guter Kompromiss aus Optik und brauchbaren Fahreigenschaften, aber das sei dahingestellt. Letztendlich kann man dem Fiat 124 Spider bescheinigen, dass er ein attraktiv gestaltetes, eigenständiges Äußeres besitzt und nicht wie ein Klon des MX5 wirkt. Wie häufig gab es in der Vergangenheit schließlich Modelle, die sich glichen, wie ein Ei dem anderen? Beispiel gefällig? Schon Mazda leistete sich diesen Stolperer und entwickelte vor einigen Jahren den Mazda 121 mit dem Ford Fiesta gemeinsam. Opel  baut den Mokka und bietet ihn über den Mutterkonzern GM als Chevrolet Trax an und der Renault Kangoo und der Mercedes-Benz Citan sind auch nicht gerade Kinder zweier Mütter.

Bildergalerie Fiat 124 Spider

Beim Innenraum des Fiat 124 Spider kommen schon eher die Gene des Plattformspenders auf. Hier zeigt sich wenig Eigenständigkeit. Was dem Roadster aber keinen Abbruch tut. Ganz im Gegenteil: Die Ergonomie passt auf Anhieb, alles liegt schön griffgünstig. So nimmt man auf den bequemen Sitzen Platz, während die Arme wie von selbst auf den Schaltknauf und das Lenkrad fallen. Als ob das Cabrio um einen herum gebaut worden wäre. Zwar könnten die Sessel einen minimal besseren Seitenhalt gewähren, doch der Mitteltunnel und die nahe Tür lassen es kaum zu, dass es einen „vom Hocker“ haut. Außerdem ist das Lenkrad nur horizontal, nicht aber in der Weite verstellbar, was für Großgewachsene eine nicht immer optimale Sitzposition erzeugt. Sonst etwas zu meckern? Nein!

Man merkt zwar, dass das Infotainment eine 1:1-Adaption aus dem Plattform-Bruder MX5 ist, doch das stört keineswegs. Die Lösung funktioniert bestens und lässt sogar zweierlei Bedienungen zu. Zum einen kann man das System über den Touchscreen bedienen oder zum anderen mit dem Dreh-Drücksteller Vorlieb nehmen. Beides klappt intuitiv und ohne große Eingewöhnungszeit. Nur der Drehknopf für die Lautstärke sitzt direkt in der Mittelkonsole zwischen den Sitzen, was letztendlich doch nach eine kurzen Eingewöhnung fordert. Man tastet immer wieder das Armaturenbrett ab, das so schön clean gehalten ist, wird nach dem Lautstärkeregler aber nicht fündig. Aber wen das wirklich stört, der hat den Sinn eines Roadsters ohnehin nicht verstanden und ist des Fiat 124 Spider nicht würdig.

Warum? Weil er ein fahraktives Auto ist, das in dieser Preisregion seinesgleichen sucht. Der japanische Ursprungsroadster mag ein Quäntchen günstiger sein, doch mit seinem vergleichbaren, 1.5 Liter großen Saug-Benziner kann er seinem Italo-Bruder nicht das Wasser reichen. Zügig an der Ampel abbiegen? Das kann schon mal in einem dezenten und jederzeit bestens beherrschbaren Heckschwenk enden, der die Mundwinkel gen Himmel schnellen lässt. Ehe man sich versieht, hat das ESP alles unmerklich pariert. Doch das fahraktiv mitlenkende Heck ist ein Quell der Freude.

Im Zusammenspiel mit dem früh anstehenden Drehmoment des Turbo-Motors –es sind 240 Nm bei rund 2.200 Umdrehungen – ergibt sich so pure Fahrfreude. Zumal das Aggregat auch im oberen Drehzahlband alles, nur nicht zugeschnürt wirkt. Zügiges Fahren stellt sich von selbst ein, am besten auf winkligen Landstraßen, wo der Fiat 124 Spider seine präzise Lenkung mit in die Waagschale werfen kann. Fein ausbalanciert, mit einer guten Mischung aus Servounterstützung, Rückstellkräften und Sämigkeit trifft man jeden Kurvenradius auf den Punkt. Der LKW vor einem, der die Sicht auf die Landschaft verdirbt? Ein Sekunden-Angelegenheit: Zwei Gänge herunterschalten, Gas geben und die Durchzugskraft des 1.4ers genießen. So wird jeder Überholvorgang zum Genuss – wenn  auch nur zum kurzen.

Wenn man an einen Roadster denkt, könnten Erinnerungen an einen harten Hund aufkommen. Alte, dünnblechige, englische Roadster, die die Topografie des Untergrunds in das Rückenmark drücken, wie ein harter Bleistift auf Pauspapier. Doch das gehört der Vergangenheit an. Der Fiat Roadster der Gegenwart gibt sich zwar stramm, unbarmherzige Härte ist aber ein Fremdwort für ihn. Fein zeigt er dem Piloten, was da gerade unter ihm vorgeht, ohne aber mit Unnachgiebigkeit zu nerven – gut gemacht, Fiat.

Was bleibt also zum Fiat 124 Spider zum Abschluss zu sagen? Das Wetter! Ja, genau. Es ist in unseren Gefilden nicht beständig genug, um permanent offen zu fahren. Dabei ist es doch gerade das Vergnügliche an diesem Cabrio: Der Fahrtwind im Haar, der leicht rotzige Ton der Abgasanlage und der Druck des Turbos – La dolce Vita eben. Also kommt zu den knapp 24.000 Euro Grundpreis noch ein Ferienhaus in Italien dazu und das macht den Fiat dann doch teuer. Endlich ein Grund, dieses Auto schlecht zu reden. Es gibt ja sonst kaum Kritikpunkte.

Weitere Informationen findet ihr unter www.fiat.de

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