Hotel-Reibungsindex: Warum fünf Sterne noch lange kein gutes Hotelzimmer machen

Ein gutes Hotelzimmer muss nicht nur schön aussehen. Steckdosen, Ruhe, Dusche, Bett und Bedienbarkeit entscheiden über echten Komfort.

Gutes Hotelzimmer – Ein schönes Hotel kann mich ziemlich schnell begeistern. Eine beeindruckende Lobby, ein gutes Restaurant, vielleicht noch ein Spa und ein Zimmer mit Aussicht – das klingt erst einmal nach einem gelungenen Aufenthalt. Doch manchmal dauert es keine zehn Minuten, bis die ersten Kleinigkeiten auffallen, die den guten Eindruck wieder etwas relativieren.

Dann fehlt plötzlich die Steckdose neben dem Bett. Der Lichtschalter befindet sich an einer Stelle, an der ihn niemand vermuten würde. Im Badezimmer gibt es kaum Ablagefläche und die große Regendusche sieht zwar fantastisch aus, liefert aber gefühlt weniger Wasser als eine kleine Gießkanne. Alles für sich genommen keine Katastrophe. Wenn sich solche Dinge jedoch häufen, kann ein eigentlich sehr schönes Hotelzimmer erstaunlich schnell nerven.

Genau deshalb interessiert mich bei Hotels inzwischen nicht mehr nur die Frage, was ein Haus alles bietet. Viel spannender finde ich, wie angenehm und unkompliziert sich das Hotel im Alltag benutzen lässt. Dafür habe ich mir einen Begriff überlegt: den Hotel-Reibungsindex.

Was ich mit dem Hotel-Reibungsindex meine / gutes Hotelzimmer

Keine Sorge, dahinter steckt keine komplizierte Formel mit Tabellen und Taschenrechner. Mit „Reibung“ meine ich all die kleinen Situationen während eines Hotelaufenthalts, in denen Du kurz innehältst und Dich fragst: Warum wurde das eigentlich so gelöst?

Das können ganz einfache Dinge sein. Du möchtest abends Dein Smartphone laden und stellst fest, dass die einzige freie Steckdose unter dem Schreibtisch liegt. Du willst das Licht am Bett ausschalten, musst dafür aber erst drei verschiedene Schalter ausprobieren. Oder Du kommst aus der Dusche und bemerkst, dass es weder einen vernünftigen Haken für das Handtuch noch eine Ablage für Deinen Kulturbeutel gibt.

Interessanterweise sieht man genau diese Dinge auf den Hochglanzfotos der Hotels fast nie. Dort wirkt das Badezimmer großzügig und modern. Das Bett sieht perfekt gemacht aus und die Beleuchtung sorgt für eine schöne Stimmung. Ob das Zimmer im täglichen Gebrauch wirklich praktisch ist, erfährst Du meistens erst nach dem Einchecken.

Und genau das ist für mich mittlerweile mindestens genauso wichtig wie die Ausstattung.

Vielleicht schauen wir bei Hotels zu oft auf die falschen Dinge

Hotelbeschreibungen funktionieren häufig nach einem ähnlichen Muster. Es geht um Zimmergröße, Frühstück, Restaurant, Wellnessbereich, Pool, Fitnessraum oder Parkplatz. Das sind natürlich wichtige Informationen und ich möchte sie bei einem Hoteltest auch weiterhin wissen.

Sie beantworten allerdings nicht automatisch die Frage, ob ich mich in einem Hotel wirklich wohlfühle.

Ein einfacheres Hotel kann im Alltag deutlich angenehmer funktionieren als ein deutlich teureres Haus. Das liegt dann nicht unbedingt am hochwertigeren Bett oder an der schöneren Einrichtung. Häufig merkt man einfach, dass bei der Planung jemand darüber nachgedacht hat, wie ein Gast das Zimmer tatsächlich benutzt.

Das fängt schon direkt nach dem Betreten des Zimmers an. Gibt es einen vernünftigen Platz für den Koffer? Finde ich die Lichtschalter ohne Suche? Kann ich mein Smartphone neben dem Bett laden? Lässt sich das Zimmer vollständig abdunkeln? Gibt es im Badezimmer genügend Ablagefläche und funktioniert die Dusche so, wie man es erwartet?

Das sind keine spektakulären Dinge. Aber genau deshalb werden sie meiner Meinung nach häufig unterschätzt.

Eine Steckdose kann wichtiger sein als die Designerarmatur – Gutes Hotelzimmer

Das klingt zunächst etwas überspitzt. Wenn ich aber abends mein Smartphone aufladen möchte, interessiert mich die teure Armatur im Badezimmer tatsächlich deutlich weniger als eine Steckdose neben meinem Bett.

Gerade in älteren Hotels merkt man manchmal, dass die Zimmer für eine völlig andere Zeit geplant wurden. Früher standen auf dem Nachttisch vielleicht ein Wecker und ein Telefon. Heute liegen dort Smartphone, Smartwatch, Kopfhörer oder eine Powerbank. Trotzdem gibt es immer noch Zimmer, bei denen Du erst Möbel verschieben oder unter den Schreibtisch kriechen musst, um eine freie Steckdose zu finden.

Natürlich ruiniert mir so etwas nicht den gesamten Aufenthalt. Genau darum geht es beim Hotel-Reibungsindex auch nicht. Es geht vielmehr um die Summe dieser kleinen Momente.

Wenn ich mein Handy nicht vernünftig laden kann, den richtigen Lichtschalter suchen muss, die Klimaanlage nicht verstehe und im Badezimmer keinen Platz für meine Sachen finde, dann fällt mir das irgendwann stärker auf als die schöne Tapete hinter dem Bett.

Im Badezimmer zeigt sich schnell, ob wirklich mitgedacht wurde

Besonders interessant finde ich Hotelbadezimmer. Auf Fotos machen sie meistens richtig etwas her. Große Fliesen, beleuchtete Spiegel, Glasduschen und moderne Armaturen sorgen für einen sehr hochwertigen Eindruck.

Im Alltag zeigt sich dann aber schnell, ob das Badezimmer nicht nur schön, sondern auch praktisch geplant wurde.

Es gibt beispielsweise Badezimmer, bei denen Du Deinen Kulturbeutel kaum irgendwo abstellen kannst. Andere haben ein großes Waschbecken, aber daneben keinen Zentimeter freie Fläche. Handtuchhaken fehlen oder befinden sich so weit von der Dusche entfernt, dass man erst einmal quer durchs Badezimmer laufen muss.

Auch die Dusche ist für mich so ein typisches Beispiel. Eine riesige Regendusche sieht auf Fotos natürlich beeindruckend aus. Wenn der Wasserdruck kaum vorhanden ist oder die Temperatur ständig schwankt, bringt mir die Optik wenig. Das Gleiche gilt für Duschabtrennungen, bei denen nach fünf Minuten das halbe Badezimmer unter Wasser steht.

Für mich gilt hier ziemlich eindeutig: Funktion kommt zuerst. Wenn es anschließend auch noch gut aussieht, umso besser.

Gutes Hotelzimmer

Luxus bedeutet für mich inzwischen vor allem: Es funktioniert einfach

Vielleicht verändert sich der eigene Blick auf Hotels auch, wenn man häufiger unterwegs ist. Früher hätte ich Luxus wahrscheinlich stärker mit Ausstattung, großen Zimmern und besonderen Extras verbunden. Heute sehe ich das etwas anders.

Luxus bedeutet für mich inzwischen auch, dass ich über möglichst wenig nachdenken muss.

Ich komme ins Zimmer und finde sofort einen Platz für meinen Koffer. Das WLAN funktioniert ohne komplizierte Anmeldung. Die Beleuchtung lässt sich intuitiv bedienen. Das Zimmer wird nachts wirklich dunkel und die Temperatur kann ich so einstellen, wie ich sie haben möchte. Die Dusche funktioniert, das Bett ist bequem und morgens werde ich nicht durch Türen auf dem Flur oder den Aufzug nebenan geweckt.

Das klingt alles wenig spektakulär. Genau darin liegt für mich aber die Qualität.

Ein wirklich gutes Hotelzimmer drängt sich nicht ständig in den Vordergrund. Es funktioniert so selbstverständlich, dass ich über viele Dinge überhaupt nicht nachdenken muss. Und eigentlich ist das ein ziemlich großes Kompliment.

Warum ein günstigeres Hotel manchmal besser abschneiden kann

Der Hotel-Reibungsindex hat deshalb zunächst wenig mit der Anzahl der Sterne oder dem Zimmerpreis zu tun. Natürlich darf ich von einem teuren Hotel mehr erwarten. Wer mehrere Hundert Euro pro Nacht verlangt, sollte auch bei den kleinen Details liefern.

Trotzdem kann ein gut geplantes Drei- oder Vier-Sterne-Hotel in meinem persönlichen Eindruck durchaus besser abschneiden als ein luxuriöseres Haus.

Vielleicht ist das Zimmer etwas kleiner. Vielleicht gibt es keinen großen Wellnessbereich oder keine besonders spektakuläre Lobby. Wenn ich dafür hervorragend schlafe, eine vernünftige Dusche habe, meine Sachen problemlos unterbringen kann und mich während meines gesamten Aufenthalts über kaum etwas ärgere, dann hat dieses Hotel sehr viel richtig gemacht.

Genau deshalb möchte ich bei Hoteltests auf Trendlupe künftig noch stärker auf diese kleinen Dinge achten.

Nicht nur auf die Frage: Was bietet das Hotel?

Sondern auch: Wie gut funktioniert das alles für mich als Gast?

Denn die Ausstattung eines Hotels kannst Du meistens schon vor der Buchung nachlesen. Wirklich interessant wird es bei den Dingen, die nicht im Prospekt stehen.

Wie ruhig ist das Zimmer nachts tatsächlich? Wird es richtig dunkel? Funktioniert die Dusche vernünftig? Sind genügend Steckdosen vorhanden? Ist das Bett nicht nur schön fotografiert, sondern auch bequem? Und gibt es diese kleinen Details, bei denen man sofort merkt, dass jemand bei der Planung mitgedacht hat?

Genau das möchte ich mit dem Hotel-Reibungsindex stärker sichtbar machen.

Mein Fazit: Ein gutes Hotelzimmer muss nicht ständig beeindrucken

Vielleicht ist das größte Kompliment für ein Hotelzimmer am Ende tatsächlich, dass mir kaum etwas negativ auffällt.

Ich komme an, stelle meinen Koffer ab und fühle mich wohl. Ich muss keine Schalter suchen, nicht nach Steckdosen fahnden und keine komplizierte Technik verstehen. Abends schlafe ich gut und morgens funktioniert die Dusche so, wie sie soll.

Ein Hotel muss mich deshalb nicht an jeder Ecke mit besonderen Extras beeindrucken. Viel wichtiger finde ich inzwischen, dass die grundlegenden Dinge richtig gut funktionieren.

Hotelsterne und Ausstattung bleiben natürlich wichtig. Sie verraten aber eben nicht alles über die tatsächliche Qualität eines Aufenthalts.

Manchmal entscheidet eine Steckdose am richtigen Platz mehr über mein Wohlbefinden als die teuerste Designerlampe im Zimmer.

Bonus-Tipp

Achte bei Deinem nächsten Hotelaufenthalt einfach einmal bewusst auf die ersten zehn Minuten nach dem Einchecken. Wie viele Dinge funktionieren sofort so, wie Du sie erwartest? Und wie oft musst Du suchen, ausprobieren oder überlegen?

Wenn Dir dabei kaum etwas negativ auffällt, stehen die Chancen ziemlich gut, dass das Hotelzimmer nicht nur schön eingerichtet wurde. Dann hat wahrscheinlich jemand darüber nachgedacht, wie Gäste dort tatsächlich wohnen.